Was sagen die Hedgepositionen der Commercials über die künftige Entwicklung aus?

Brauchen oder haben erfolgreiche Börsianer geheime Insider-Informationen, die ihnen einen Wissensvorsprung gegenüber der breiten Masse geben? Die Antwort lautet: Nein, zahlreiche Informationen sind für jedermann frei zugänglich, doch die Masse kennt die Informationen nicht oder versteht sie falsch, was zu Fehlern und Inkonsequenzen in der Umsetzung führt. Ein Paradebeispiel hierfür ist der sogenannte Commitment of Traders Report, kurz CoT. In den USA sind große Händler berichtspflichtig, da sie Preise mit ihrem Volumen bewegen können. Man möchte hier Transparenz für alle schaffen und hat daher den CoT-Report ins Leben gerufen, der wöchentlich am Dienstag aktualisiert wird und der Öffentlichkeit immer am Freitag Abend (außer wenn in einer Woche ein Feiertag war) zugänglich gemacht wird. In diesem Report werden die Händler in drei Gruppen unterteilt:

 

Small Speculators: Das sind Kleinanleger/Trader, die so geringe Stückzahlen handeln, dass sie keinen Einfluß auf die Preisentwicklung nehmen

Large Traders: Das sind Fonds/Hedge-Fonds, die typischerweise mit fortschreitenden Trends ihre Positionierung verstärken (müssen)

Commercials: Hierbei handelt es sich um kommerzielle Adressen, wie beispielsweise Shell, BP oder auch Starbucks, die ihre physischen Bestände (Produzenten eines Rohstoffs) bzw. ihren physischen Bedarf (Abnehmer eines Rohstoffs, z.B. Starbucks bei Kaffee) gegen künftige Preisschwankungen bis zur Lieferung absichern. Dazu kaufen (i.d.R. Abnehmer eines Rohstoffs) oder verkaufen (Produzenten) sie Futures über den Terminmarkt

 

Letztgenannte Gruppe sind die quasi die Insider der jeweiligen Märkte, da sie im Gegensatz zu den Kleinspekulanten und den Fonds von Berufswegen mit dem betreffenden Markt (Kaffee, Rohöl, Sojabohnen oder was auch immer) zu tun haben. Smarte Trader beachten die Hedgeaktivitäten der Commercials und ziehen daraus Schlüsse hinsichtlich der wahrscheinlichen künftigen Marktentwicklung. Beschränkt man sich auf absolute Extrempositionierungen der Commercials, so ist diese Analysemethode eigentlich eine extrem treffsichere Sache. Ich schreibe eigentlich, denn in der Praxis schaffen es nur wenige Trader/Anleger, daraus einen Nutzen zu ziehen. Denn einerseits schlägt der zugrunde liegende Markt tatsächlich fast immer die erwartete Richtung ein, doch andererseits geht dies teilweise mit für den Ottonormal-Börsianer kaum aushaltbaren Varianzen auf der Zeit- und Preisebene einher. Da die Commercials immer einen physischen Gegenwert haben (den Rohstoff selbst) ist der Charakter ihrer Geschäfte ein anderer, als der eines Traders. Während der Trader aus einem Differenzgeschäft seinen Profit oder Verlust generiert, schreiben kommerzielle Adressen mit ihren Aktionen am Terminmarkt lediglich Preise fest. Das Timing kann einem Produzenten von Erdgas egal sein, wenn er beispielsweise bei einem Preis von 3,5 Dollar seinen kompletten Bestand hedged und somit den Preis auf diesem Niveau festschreibt. Steigt der Preis bis zum Liefertermin auf 7 Dollar, so profitiert er nicht zusätzlich an weiter steigenden Notierungen, er verliert aber auch nichts, da zwar seine Shortpositionen am Terminmarkt verlieren, jedoch der physische Bestand in gleichem Maße (in unserem Beispiel jedenfalls) gleichermaßen gewinnt. Ein Trader, der bei 3,5 Dollar eine Extremposition der Commercials sieht und sich denkt „Wenn die so massiv absichern, dann muss es ja jetzt fallen“ und daraufhin eine Shortposition eröffnet, wird bei einem Preis von 7 Dollar bereits arg am Schwimmen sein.

Ich habe Trades erlebt, bei denen es 30-50% im Basiswert schwankte (ausgehend von einer Extremposition der Commercials), in denen es bis zu 2 Jahren dauerte und sich der Preis aber anschließend verdoppelte oder verdreifachte. Die Indikation war dann richtig, der Markt landete dort, wo man ihn auf Basis der CoT-Daten erwarten konnte, aber wer hält 2 Jahre an einer Positionierung fest und wer kann 30-50% in die „falsche“ Richtung finanziell und mental aushalten? Ich spreche hier von Ausnahmefällen, aber auf genau die muss ich mich mental und im Konto einstellen, wenn ich solche Informationen nutzen möchte.

Eine traumhafte Frühindikation für den Einbruch der Rohölnotierungen gab es beispielsweise 2014 in den CoT-Daten für WTI Crude Oil. Die Commercials hatten die mit riesigem Abstand größte Netto-Shortposition aller Zeiten. Anschließend ging der Preis um mehr als 60% in die Knie. Ein mustergültiges CoT-Setup.

 

Doch einfach zu handeln sind diese Situationen nicht, da man anhand der Hedequote eben nicht das Ausmaß der Preisbewegung ersehen kann. Da sich die Margen von Jahr zu Jahr ändern kann eine kommerzielle Adresse sich möglicherweise im nächsten Jahr bereits bei einem relativ niedrigen Preisniveau stark absichern, während die gleiche Adresse noch im Jahr zuvor auf diesem Niveau vergleichsweise geringe Absicherungsquoten fuhr. Was sich sagen lässt ist: Ausgehend von einem lokalen Extrem in der Nettoposition der Commercial Hedger läuft es auf Sicht von 1-2 Jahren in aller Regel seitwärts oder in die erwartete Richtung.

 

Im Crude Oil zeigt sich dies speziell für die Zeit bis 2008, wo auf den ersten Blick das Timing der Commercials unterirdisch war. Doch lesen sie bitte noch einmal, was ich eingangs erklärte. Die schreiben Preise fest. Stellen Sie sich vor, Sie betreiben einen Bauernhof und verkaufen Kartoffeln und Hühner an eine Imbissbude. Sie haben (um es einfach zu machen) pro produzierter Einheit Kosten von 1 Euro und der Budenbetreiber zahlt Ihnen 2 Euro. Ihre Marge ist 1 Euro. Nun läuft der Imbiss schlechter, der Betreiber zahlt Ihnen lediglich noch 1,5 Euro. Gleichzeitig wird Wasser, Ackerland und Tierfutter drastisch günstiger, so dass Ihre Kosten auf nur noch 30 Cent pro Einheit absinken. Um weiterhin Ihren einen Euro Marge zu haben, genügt Ihnen jetzt bereits ein am Markt erzielter Preis von 1,30 Euro. Sie sind also auf einmal zu einem deutlich niedrigeren Preis bereit, Ihre Produktion abzugeben und werden sofort einen Vertrag (Kontrakt) mit dem Budenbetreiber unterzeichnen, in dem 1,50 Euro als Preis pro verkaufter Einheit festgelegt werden. Und genau das passiert am Terminmarkt.

 

Es kommt eine Reaktion im Markt, teilweise recht mager ausfallend, aber sie kommt. Dass der Preis ohne Reaktion einfach davon läuft und sich auch die Hedgequote der kommerziellen Adressen nicht deutlich veränderte kommt meiner Erfahrung nach nie vor! Als Hinweis- und Ideengeber taugt dieses Instrument „CoT“ also absolut. Es ist dafür geradezu sensationell. Doch Sie werden durch Ihre mentalen Schmerzgrenzen und durch die zweifelsfrei eingeschränkte Kapitaldecke nicht in dem Maß davon profitieren können, wie es bei etwas „vermeintlich todsicheren“ wünschenswert wäre.

 

Aktuell sind auf Basis der CoT-Daten u.a. Crude Oil für die Shortseite und Cocoa für die Longseite einen Blick wert. Doch Crude Oil kann m.E. noch bis 58/63 Dollar ansteigen, ehe die Reaktion kommt und bei Cocoa sind die produzentendominierten Commercials zwar sogar netto-long, doch kann auch hier der Preis noch schwanken, ehe der Anstieg einsetzt. Da die Commercials praktisch spiegelbildlich zu den Fonds agieren und mit einem höheren Grad an Spekulation im Markt auch stärker absichern (und umgekehrt), ist es clever, bei der vorliegenden Situation im Cocoa-Future nicht sofort blind „Long“ einzusteigen, sondern zu warten, bis sich der Kapitalstrom umkehrt. Derzeit kaufen die Commercials und lösen damit Absicherungen auf, weil das Pendant, die Large Traders (Fonds) immer stärker verkauft (Short ist). Irgendwann müssen die Fonds ihre spekulativen Positionen beginnen zurück zu kaufen. Ein simpler, aber recht erfolgreicher Ansatz ist es dabei, zu warten bis die Netto-Position der Commercials erstmals wieder negativ wird. Denn das sagt dann zwangsläufig aus, dass die Fonds begonnen haben, ihre (Short-)Positionen zurück zu kaufen.

 

Ihr

René Wolfram
www.realmoneytrader-akademie.de

 

 

 

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