Saisonalitäten (Seasonals)

Professionelle Trader benutzen für ihr kurz- und mittelfristiges Trading sogenannte Saisonalitäten (oder Seasonals), um den statistischen Vorteil, weg vom Münzwurf, ein Stück weit auf ihre Seite zu verlagern. Wie in jedermanns Alltag gibt es auch bei Rohstoffen, Aktien, Anleihen und Währungen bestimmte Zeiten, in denen eher ge- und andere in denen eher verkauft wird. Jeder hat sicher ganz am Beginn seiner Börsenlaufbahn den Spruch „Sell in may and go away“ als Börsenweisheit vernommen und sich gemerkt. Das ist eine der bekanntesten, wenn nicht gar die bekannteste Saisonalität überhaupt.

Warum saisonales Trading auf lange Sicht funktioniert

Sei es nun die Hochzeitssaison in Indien, die sich auf den Goldpreis auswirkt, sei es die Hurricaneseason für Agrarrohstoffe und auch Energierohstoffe, oder das Weihnachtsgeschäft ab Oktober, welches die Wirtschaft und damit den Aktienmarkt beeinflusst. All diese wirtschaftlichen Prozesse und Begebenheiten verursachen Häufungspunkte für abgegrenzte Zeiträume in der Statistik, die sich für den Trader visuell in Form einer Saisonalität bzw. eines saisonalen Charts darstellen lassen. Kurzum: Hinter jeder Saisonalität steckt in Wirklichkeit eine fundamentale Triebkraft. Dabei sind einige Saisonalitäten stabiler, als andere. In meinem Trading habe ich ein paar wenige saisonale Trades, die so gut wie immer funktionieren, weil der dahinter stehende fundamentale Basiseffekt so stark ist. Doch setze ich dennoch nicht unverhältnismäßig viel ein pro Trade, weil das elementaren Grundprinzipien meines Tradingkonzepts widerstreben würde, die mein Überleben am Markt sicherstellen sollen. Und wenn man „trading for living“ wirklich praktiziert, dann muss Sicherheit immer vorgehen.

Warum es temporär auch nicht funktionieren wird

Der Grund, warum saisonales Trading auf Dauer funktioniert, ist auch gleichzeitig der Grund, warum es nicht immer funktionieren kann und jedes Setup auch schlechte Phasen haben kann und wird: fundamentale Begebenheiten! Eine Saisonalität sagt grob vereinfacht aus: Typischerweise passiert zwischen dem Zeitraum x und y etwas ganz spezifisches. Aber ebenso, wie typischerweise morgens um 7.02 Uhr Ihre S-Bahn kommt, sie aber mal Verspätung hat und in seltenen Fällen auch gar nicht kommt, verhält es sich auch mit den saisonalen Effekten in den unterschiedlichen Anlageklassen. Es sind streng genommen starre Muster aus der Vergangenheit, ein Korsett, welches wir dem Markt überstülpen. Manchmal werden diese Muster von aktuellen, adhoc aufgetretenen und sehr starken Sondersituationen überlagert. Dann kann sich die Saisonalität auch für einzelne Fälle umkehren. Einfach gesagt: In der langen Zeit, in der ich am Markt handele, habe ich festgestellt, dass starke saisonale Phasen auch in den seltenen Ausnahmen, in denen es nicht wie erwartet läuft, umso schwächer ausfallen können. Das ist meiner Meinung nach auch absolut logisch. Denn um eine stabile Saisonalität auszuhebeln braucht es eine gravierende fundamentale Sondersituation. Und wenn diese auftritt kehrt sich der Effekt um.

Wann immer Sie also Saisonalitäten handeln, braucht es viele Wiederholungen und damit eine Umsetzung über viele, viele Jahre, damit Sie den statistischen Erwartungswert auch treffen und das Setup sicher Geld verdient. In der Praxis ist es aber vielmehr so, dass alle nach den vermeintlich sicheren Trades dürsten und suchen. Sie lesen etwas von 90% Trefferquote bezogen auf 20 Jahre und gehen mit der Erwartungshaltung heran, dass es „sicher“ sei und funktionieren müsse. Wirft der einzelne Trade (und ein einzelner Trade hat immer eine 50:50-Chance) nicht den erhofften Profit ab, schaltet das Gehirn schnell in den Trotzmodus („ich wusste es doch, dass dieser ganze statistische Kram nicht funktioniert“) und wird verworfen. Deshalb sollte man unbedingt verstanden haben, was Saisonalitäten sind, wie sie zustande kommen, was hinter ihnen steckt. Vor allem braucht es aber auch ein Bewusstsein dafür, dass es starre Muster sind, die oft funktionieren, aber nicht immer. Dafür, dass diese auch mal in Serie fehlschlagen können und werden.

Schwächen

Die Welt verändert sich. Das beginnt beim Klima, wo wir einen Wandel alle hautnah miterleben können, der sich in Form des Wetters auch direkt auf die Saisonalitäten von zum Beispiel Agrar-Rohstoffen auswirken kann. Es wird kaum dazu führen, dass eine Saisonalität komplett ausgehebelt wird. Jedoch lässt sich beobachten und messen, dass Saisonalitäten in einem gewissen Maße wandern. Dies sollte statistisch quantifiziert werden, was für den normalen Trader mangels Software und technischer Möglichkeiten kaum realisierbar ist.

In klassischen saisonalen Charts, die Sie frei im Internet abrufen können, sind in aller Regel auch einzelne Ausreißer berücksichtigt, die das Bild verzerren können. Nicht jede Saisonalität, die Ihnen begegnet und auf den ersten Blick toll ausschaut, wird am Ende auch wirklich so stabil sein. Wir haben daher eigene saisonale Untersuchungen angestrengt und individuelle saisonale Charts erstellt, die teilweise gravierend von dem abweichen, was man frei im Internet findet. Es braucht viele Wiederholungen, was bei einem nur einmal per anno auftretenden saisonalen Effekt je Markt bedeutet, dass man ein Muster über viele Jahre konsequent handeln sollte.

Stärken

Saisonalitäten geben uns eine Art Landkarte (Roadmap) für die potenzielle, künftige Marktentwicklung. Das ist insofern von Vorteil, als man nicht adhoc auf eine Situation reagieren und ohne wirklichen statistisch validen Plan agieren muss. Nein, man hat im Vorhinein eine Vorstellung und auch Dimensionierung, sowie einen konkreten Wert für das Risikomanagement. Es stehen starke fundamentale Basiseffekte dahinter, wodurch es einige Seasonals gibt, die extrem stabil und zuverlässig sind. Durch Saisonalitäten lassen sich potenziell ertragreiche von willkürlichen oder nicht ertragreichen Perioden unterscheiden, was die Fehlerquote reduziert (das schon Geldbeutel und Psyche) und die Profitabilität steigert.

 

Fazit:  Saisonalitäten sind ein wichtiges Element, um Trading zu professionalisieren und Fehler zu reduzieren. Die Schwierigkeit liegt in der niedrigen Handelsfrequenz, was bedeutet, dass man viele Jahre konsequenter Umsetzung braucht, idealerweise in verschiedenen Märkten, um einen großen, nachhaltigen Effekt für sein Konto zu erzielen. Aus meiner Sicht sollten Saisonalitäten zumindest für die Gewichtung von Long und Short innerhalb einer Handelstechnik (welche auch immer das sein mag bei Ihnen) Berücksichtigung finden.